Krieg, Klima, Corona: Wege zu einer humanen Wirtschaft

Vortrag von Dr. Wolfgang Kessler

Dr. Wolfgang Keßler

Für den Wirtschaftsjournalisten, Dr. Wolfgang Kessler, der auf Initiative des Arbeitskreises MitweltZukunft am 7.4.2022 in der Martinikirche zu oben genanntem Thema referierte, legen alle aktuellen Krisen die eklatanten Schwächen unseres Wirtschaftens offen. Wir leben, so diagnostiziert Kessler, im Zeitalter einer global agierenden, kapitalgesteuerten Wirtschaft, deren Leitstern die Profitmaximierung ist, und die für ihr extensives Wachstum immer schneller, immer mehr Ressourcen verbraucht. Der Renditezwang dringt – so Kessler – auch in Bereiche des Lebens, die von völlig anderen Kriterien geleitet werden sollten, wie z.B. das Wohnen oder die Kranken- und Altenpflege. In den aktuellen Krisen wird deutlich, dass die soziale Ungleichheit national wie global zunimmt, die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern immer größer wird, dass die preiswerte Massenproduktion auf der Grundlage von Ausbeutung sowohl der menschlichen Arbeitskraft als auch der Natur geschieht und dass unser auf fossilen Energien beruhendes Wohlstandsmodell und unser Konsumverhalten nicht nur das Klima aufheizen, sondern uns auch abhängig machen von totalitären Staaten.

Kessler sieht innerhalb des bestehenden Systems dennoch Möglichkeiten, die Wirtschaft gerechter, nachhaltiger und humaner zu gestalten. Er beschreibt dies nachvollziehbar an konkreten Beispielen,
die zeigen, dass sowohl auf kommunaler als auch auf nationaler Ebene hoffnungsvolle und funktionierende Gegenmodelle entwickelt und realisiert werden können. So hat die Stadt Ulm ein Rezept gefunden, Grundstücksspekulationen und horrenden Mietpreissteigerungen einen Riegel vorzuschieben, Amsterdam hat zwecks Abfallvermeidung und Ressourcenschonung einen beispielhaften Fahrplan zur Förderung der Kreislaufwirtschaft entwickelt. In der Schweiz dient eine CO2-Abgabe als Lenkungsinstrument zur Reduktion von klimaschädlichen Emissionen und entlastet dabei Familien und Geringverdiener, in Dänemark wird eine Steuer auf den Einsatz von Pestiziden erhoben und Österreich hat ein solidarisch ausgerichtetes Krankenversicherungssystem implementiert.

Kessler sieht die dringende Notwendigkeit einer ökonomischen Umorientierung in der Weise, dass die Wirtschaft den Menschen dienen muss, nicht den Investoren und dass demokratische Eigentumsformen gefördert werden sollten. Er macht Vorschläge, um diese Umkehr zu erreichen.

  1. Seines Erachtens gehören die Bereiche der Grundversorgung der Menschen, wie Gesundheit, Pflege, Sozialer Wohnungsbau, Wasserversorgung und Öffentlicher Verkehr in die Hand von Kommunen oder karitativen und gemeinnützigen Organisationen, nicht aber in die Hand privater Investoren.
  2. Um eine gerechtere Verteilung des Reichtums zu erreichen, sollten besonders hohes Vermögen, Einkommen, Erbschaften und Finanzgewinne besteuert werden. Die Einführung einer Finanztransaktionssteuer von nur 0,1 Prozent würde zusätzliche Milliarden an Euro pro Jahr in den Bundeshaushalt spülen, Geld, das für gemeinnützige Aufgaben sinnvoll eingesetzt werden könnte.
  3. Eine Förderung der Kreislaufwirtschaft gehört für Kessler ebenso zu den Pfeilern einer Umorientierung wie eine abgespeckte, dafür aber faire Globalisierung sowie eine Stärkung Europas und der Region.
  4. Bei der Bekämpfung globaler Armut sollten die Aufbauhilfen nicht einseitig an die politische Führung gezahlt werden, sondern z.B. in Form eines Grundeinkommens an die Bürger selbst, so dass ein Aufbau von Läden und Infrastruktur von der Basis aus entstehen kann.

Doch um eine erfolgreiche Transformation umzusetzen, sind nicht nur Politik und Unternehmen gefordert, sondern auch Bürgerinnen und Bürger. Diese könnten bewusst konsumieren, indem sie Produkte kaufen, die unter fairen Bedingungen, umweltschonend hergestellt wurden. Eine freiwillige Reduktion ihres Fleischverzehrs würde den weltweiten Bedarf an Ackerfläche für Viehfutter verringern. Der Einkauf in Geschäften vor Ort statt per Internet stärkt die Region und wäre ein ebenso förderlicher Schritt wie ein Mehr an Gemeinschaft, von einer vernetzten Nachbarschaft bis hin zum Teilen von Werkzeug und der gemeinsamen Pflege von Ländereien. Auch bei einer möglichen Geldanlage könnte bewusst auf Nachhaltigkeit und Fairness geachtet werden.

Die oft gestellte Frage, was denn derartige Veränderungen alles kosten und wer sie bezahlen soll, formuliert der Referent Dr. Wolfgang Kessler gegen Ende seines Vortrags um und gibt zu bedenken: „Was bezahlen wir, wenn wir die erforderlichen Schritte nicht gehen?“ Ein Referat voller Denkanstöße, die so notwendig sind in diesen herausfordernden Zeiten.
Arbeitskreis MitweltZukunft

Wer den Vortrag nachhören möchte, kann dies auf dem You-Tube-Kanal der Evangelische Martini-Kirchengemeinde Siegen tun.